Ein Meilenstein in der medizinischen Nomenklatur verändert das Verständnis einer der häufigsten Hormonstörungen bei Frauen. Das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS), von dem weltweit jede achte Frau betroffen ist – mehr als 170 Millionen Menschen –, heißt nun offiziell Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom (PMOS). Die Bekanntgabe, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „The Lancet“ am 12. Mai 2026 und vorgestellt auf dem Europäischen Endokrinologiekongress in Prag, ist das Ergebnis eines elfjährigen globalen Konsensprozesses mit über 22,000 Beteiligten, darunter Patientinnen, Ärzte und Forscher aus aller Welt. Weit mehr als eine rein kosmetische Änderung signalisiert diese Umbenennung ein grundlegendes Umdenken: Es handelt sich nicht mehr um eine Erkrankung mit Zysten an den Eierstöcken, sondern um ein komplexes, den gesamten Organismus betreffendes Leiden, das endokrine, metabolische, reproduktive und psychische Aspekte betrifft.
Warum der alte Name schon immer irreführend war
Der Begriff „ polyzystisches Ovarialsyndrom “ (PCOS) entstand vor Jahrzehnten aufgrund der Beobachtung zahlreicher kleiner Follikel an den Eierstöcken betroffener Frauen, die oft fälschlicherweise als Zysten interpretiert wurden. Diese Beschreibung war jedoch von Anfang an irreführend. Es handelt sich bei diesen Strukturen nicht um pathologische Zysten, sondern um unreife Follikel – eine Folge hormoneller Störungen und nicht deren Ursache. Entscheidend ist, dass nicht alle Frauen mit PCOS diese Befunde im Ultraschall zeigen.
Die Endocrine Society, eine von über 56 führenden akademischen, klinischen und Patientenorganisationen, die sich am Namensänderungsprozess beteiligten, erklärte, dass der alte Name eine komplexe, langfristige Hormonstörung auf ein Missverständnis bezüglich Zysten und eine Fokussierung auf die Eierstöcke reduzierte. Diese Verengung hatte spürbare Konsequenzen im Alltag.
Frauen mit unerklärlicher Gewichtszunahme, Insulinresistenz, Hautveränderungen wie Akne oder vermehrtem Haarwuchs, Stimmungsschwankungen oder kardiovaskulären Risikofaktoren wurden häufig nicht auf PCOS/PMOS untersucht, da ihre Symptome nicht eindeutig dem Bild einer „Ovarialzyste“ entsprachen. Ärzte, die ausschließlich auf Anzeichen einer Ovarialzyste achteten, übersahen das Gesamtbild völlig.
Die Wissenschaft hinter dem neuen Namen
Die Bezeichnung „Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom“ (PCOS) wurde in einem beispiellosen, strengen und mehrstufigen globalen Konsensverfahren gewählt. Mithilfe iterativer globaler Umfragen mit Antworten von 14,360 Personen mit PCOS und multidisziplinären Gesundheitsexperten, modifizierten Delphi-Methoden und Workshops zur Nominalgruppentechnik im November 2025 und Februar 2026 testete das Forschungskonsortium systematisch verschiedene Kombinationen endokriner, metabolischer und reproduktionsmedizinischer Terminologie, bevor es sich für die endgültige Bezeichnung entschied.
Jedes Wort in PMOS hat bewusste Bedeutung. „Polyendokrin“ spiegelt die hormonelle Komplexität der Erkrankung wider; sie betrifft mehrere endokrine Achsen, darunter Androgene (männliche Hormone), Insulin und das Fortpflanzungshormonsystem.
Der Begriff „metabolisch“ unterstreicht die starke metabolische und kardiometabolische Komponente, einschließlich Insulinresistenz, Dyslipidämie, Risiko für Typ-2-Diabetes, nichtalkoholischer Fettlebererkrankung und kardiovaskulärem Risiko. Der Begriff „ovariell“ verweist weiterhin auf das Fortpflanzungssystem und die Beteiligung der Eierstöcke, die nach wie vor eine zentrale Rolle bei vielen klinischen Merkmalen spielt. Zusammen beschreibt die neue Bezeichnung präzise eine Multisystemerkrankung.
Die tatsächlichen Folgen der Fehlbenennung: Verzögerte Diagnosen und fragmentierte Versorgung
Die Folgen der alten Bezeichnung waren nicht nur akademischer Natur. Forschung und Patientenvertretung haben im letzten Jahrzehnt dokumentiert, dass Frauen mit PCOS im Durchschnitt bis zu zwei Jahre später diagnostiziert wurden, eine fragmentierte Versorgung durch zahlreiche Facharztbesuche erhielten, die keine Zusammenhänge erkannten, und mit Stigmatisierung konfrontiert waren, da man annahm, es handele sich primär um ein Fruchtbarkeits- oder gynäkologisches Problem. Psychische Folgen wie erhöhte Raten von Depressionen, Angstzuständen und Körperbildstörungen wurden routinemäßig unzureichend behandelt, da sie nicht mit dem Krankheitsbild der „Ovarialzyste“ in Verbindung gebracht wurden.
Professorin Helena Teede, Direktorin des Monash Centre for Health Research and Implementation der Monash University und Endokrinologin bei Monash Health, leitete den Namensänderungsprozess, nachdem sie jahrzehntelang zu dieser Erkrankung geforscht hatte. Sie erklärte, der alte Name habe die Forschung und die politische Entwicklung im Hinblick auf eine Erkrankung, von der weltweit Millionen Frauen betroffen sind, eingeschränkt. Der neue Name soll sowohl die klinische Praxis als auch die öffentliche Wahrnehmung neu ausrichten.
Was dies für Patientinnen mit bereits diagnostiziertem PCOS bedeutet
Wenn bei Ihnen PCOS diagnostiziert wurde, bleibt Ihre Diagnose gültig. Die Umbenennung ändert nichts an der zugrundeliegenden Biologie, dem Behandlungsansatz oder den geltenden klinischen Leitlinien. Die Neukategorisierung wird jedoch Aktualisierungen der klinischen Leitlinien, der medizinischen Ausbildung und der internationalen Krankheitsklassifikationssysteme, einschließlich der weltweit verwendeten ICD-Kodierung, erforderlich machen, um eine einheitliche Anwendung der neuen Terminologie zu gewährleisten. Diese Aktualisierungen werden voraussichtlich schrittweise in den Gesundheitssystemen weltweit eingeführt.
Für diejenigen, die lange das Gefühl hatten, ihre Erkrankung werde missverstanden, verharmlost oder unvollständig behandelt, bestätigt die neue Bezeichnung ihre gelebte Erfahrung. PMOS ist eine Erkrankung, die den gesamten Körper betrifft und daher eine ganzheitliche Betreuung erfordert, die Stoffwechseluntersuchungen, die Beurteilung des kardiovaskulären Risikos, psychologische Unterstützung und die Betreuung der reproduktiven Gesundheit unter einem Dach umfasst.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Das PCOS wurde am 12. Mai 2026 offiziell in PMOS (Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom) umbenannt.
- Die Änderung ist das Ergebnis eines elfjährigen, globalen Konsensprozesses mit 22,000 Beteiligten, darunter 56 führende Organisationen.
- Die alte Bezeichnung war ungenau: Viele Frauen mit PMOS haben keine Eierstockzysten, und die Erkrankung betrifft weit mehr als nur die Eierstöcke.
- Die neue Bezeichnung würdigt PMOS als eine Multisystemerkrankung, die endokrine, metabolische, reproduktive, dermatologische und psychische Gesundheitsprobleme umfasst.
- Die bestehenden PCOS-Diagnosen behalten ihre Gültigkeit; die klinischen Leitlinien und die Klassifizierungssysteme der Krankheit werden schrittweise aktualisiert.
- Die Umbenennung soll Verzögerungen bei der Diagnosestellung verringern, Stigmatisierung abbauen und den Zugang zu einer umfassenden, multidisziplinären Versorgung verbessern.
- Einige Forscher haben eine anhaltende Diskussion darüber festgestellt, ob der Begriff „Ovarialtumor“ auch seltene Fälle bei Männern umfassen sollte, obwohl der gegenwärtige Konsens ihn beibehält.
Fazit
Die Umbenennung von PCOS in PMOS ist mehr als nur ein Buchstabenwechsel; sie ist ein Akt der medizinischen Wissenschaft, geprägt von den Stimmen von über 22,000 Patientinnen und Fachkräften, der jahrzehntelange Unterdiagnostizierung und unzureichende Versorgung anerkennt. Für die 170 Millionen Frauen, die mit dieser Erkrankung leben, bedeutet die Umbenennung von „polyzystischem Ovarialsyndrom“ in „polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom“ eine Anerkennung: die Anerkennung, dass ihre Symptome real sind, miteinander zusammenhängen und eine umfassende medizinische Behandlung verdienen.
Für Ärzte und Gesundheitssysteme ist die neue Bezeichnung ein Aufruf zum Handeln: den diagnostischen Blickwinkel zu erweitern, Stoffwechsel- und psychische Gesundheitsuntersuchungen in die Routineversorgung zu integrieren und internationale Krankheitsklassifikationssysteme an den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand anzupassen. Wenn Sie vermuten, an PMOS zu leiden oder mit einer unvollständigen PCOS-Diagnose leben, sprechen Sie mit Ihrem Arzt über eine umfassende Untersuchung, die das gesamte Spektrum dieser Erkrankung abdeckt.
Referenzen
- Endocrine Society. (12. Mai 2026). Polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom: Neue Bezeichnung zur Verbesserung von Diagnose und Behandlung einer Erkrankung, von der weltweit 170 Millionen Frauen betroffen sind. https://www.endocrine.org/news-and-advocacy/news-room/2026/pcos-name-change
- Teede HJ et al. (12. Mai 2026). Polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom, die neue Bezeichnung für das polyzystische Ovarialsyndrom: ein mehrstufiger globaler Konsensprozess. The Lancet. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(26)00717-8
- University of Colorado Anschutz Medical Campus. (12. Mai 2026). Internationale Experten geben PCOS einen neuen Namen, um die Multisystemerkrankung widerzuspiegeln. Abgerufen von https://news.cuanschutz.edu/news-stories/pcos-new-name
- STAT News. (12. Mai 2026). Das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) heißt jetzt PMOS – eine kleine Änderung, die einen umfangreichen wissenschaftlichen Prozess erforderte. Abgerufen von https://www.statnews.com/2026/05/12/pcos-now-called-pmos-polyendocrine-metabolic-ovarian-syndrome/
- ABP Live Health. (13. Mai 2026). PCOS heißt jetzt PMOS – Warum wurde der Name geändert und was verrät er über die Erkrankung?
- Newsday. (13. Mai 2026). PCOS erhält neuen Namen: PMOS. Was die Änderung der Endocrine Society für Frauen bedeutet.
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Häufig gestellte Fragen
PMOS steht für Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom. Es ist die neue offizielle Bezeichnung für die Erkrankung, die zuvor als Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS) bekannt war. Die Bezeichnung wurde nach einem globalen Konsensverfahren eingeführt, das im Mai 2026 in The Lancet veröffentlicht wurde.
Die alte Bezeichnung war wissenschaftlich ungenau. Viele Frauen mit dieser Erkrankung haben keine Eierstockzysten, und die Störung betrifft weit mehr als nur die Eierstöcke. Die neue Bezeichnung spiegelt die hormonellen, metabolischen, reproduktiven und psychologischen Dimensionen besser wider und soll Fehldiagnosen und Stigmatisierung reduzieren.
Nein. Ihre Diagnose bleibt uneingeschränkt gültig. Die Umbenennung hat keinen Einfluss auf Ihren Behandlungsplan oder Ihre Krankengeschichte. Medizinische Leitlinien und Krankheitsklassifikationssysteme werden schrittweise aktualisiert, um die neue Terminologie widerzuspiegeln.
Ja, es handelt sich um genau dieselbe Erkrankung, nur der Name hat sich geändert. Die zugrunde liegende Biologie, die Symptome und die Behandlungsansätze bleiben unverändert.
Professor Helena Teede von der Monash University in Australien leitete den Prozess zusammen mit über 56 akademischen, klinischen und Patientenorganisationen weltweit, darunter die Endocrine Society.
PMOS betrifft weltweit jede achte Frau, mehr als 170 Millionen Menschen, und ist damit eine der häufigsten Hormonstörungen weltweit.
Die Symptome betreffen mehrere Organsysteme und umfassen unregelmäßige Menstruation, vermehrten Haarwuchs im Gesicht oder am Körper, Akne, unerklärliche Gewichtszunahme, Insulinresistenz, Schwierigkeiten beim Schwangerwerden, Depressionen, Angstzustände und ein erhöhtes Langzeitrisiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Die Einführung wird schrittweise erfolgen. Klinische Leitlinien, Lehrpläne für die medizinische Ausbildung und internationale Krankheitsklassifikationssysteme wie die ICD werden zwar aktualisiert, aber ein vollständiger weltweiter Übergang wird Zeit in Anspruch nehmen. Beide Begriffe können während der Übergangsphase parallel verwendet werden.
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